Niemals wieder bmi – Eine Flugannullierung und ihre Folgen

Wer viel reist, hat eine Menge zu erzählen, so auch im Bereich des Reisens an sich, wenn es um den eigentlichen Transport von A nach B geht. Das viele Fluglinien ihre Passagiere schon lange nicht mehr als Kunden sondern nur noch als zahlendes Vieh betrachten, ist ein offenes Geheimnis. Die Art und Weise des Service an Bord ist einer der besten Indikatoren dafür, wie eine Airline seine Passagiere betrachtet. Das es allerdings noch dreister geht als dem Passagier eine lieblos geschmierte pappige Stulle, die noch nicht mal ein Hund fressen würde, auf den Klapptisch zu knallen, bewies im Februar 2011 die britische Fluglinie British Midland International (bmi).

Es ist der 5. Februar 2011 und kurz nach 16:00. Wie immer treffe ich mit preußischer Pünktlichkeit am Flughafen ein, diesmal mit der Vorfreude von Berlin-Tegel aus über London nach Delhi zu reisen. Für mich ist dieser Trip trotz vieler vorheriger Flüge der erste mit einem Stopp in London Heathrow, Europas großem Dreh- und Angelpunkt des Flugverkehrs. Ich checke ein, begebe mich in den Sicherheitsbereich und warte auf die bereits verspätete Maschine der British Midland International (bmi), der im Ticket enthaltene Zubringer zum Langstreckenflieger nach London. Es ist ungefähr 18:50, eigentlich hätten wir schon seit 18:05 in der Luft ein müssen, aber erst jetzt dürfen die Passagiere dieses Flugs den Flieger besteigen. Im Flieger angekommen nimmt man schnell die Atmosphäre im Cockpit wahr, deren Gesichter nicht allzu amused aussehen. Es vergeht eine weitere Stunde Wartens in der Maschine. An Bord sind noch weitere Leute und auch Pärchen die es witzigerweise mit der gleichen Flugverbindung nach Delhi zieht.

In der Regel reichen 2 Stunden Transferzeit am Großflughafen aus um das Gepäck vom Zubringer zum Langstreckenflug transportieren zu können. Auch Dinge wie das Passieren der Passkontrolle etc. sind in 2 Stunden erledigt. Jetzt allerdings schmelzen selbst diese 2 Stunden mit jedem Ticken des Sekundenzeigers ab wie ein Alpengletscher. Es wird eng… Ich registriere wie sich die Ladeluke des Flugzeugs öffnet und das Gepäck wieder ausgeladen wird. Obwohl die Stewardessen immer noch im Brustton der Überzeugung verkünden dass es gleich losgeht, ist das Ausladen des Gepäcks ein untrügliches Zeichen dafür dass hier heute nichts mehr geht. Eine weitere Viertelstunde gibt der Pilot dann auch mit einem breit angelegten “Sorry!” bekannt, dass die bereits beim Start in London bekannten und aufgetretenen technischen Probleme jetzt nun gar nicht mehr zu beheben sind. Bedeutet im Umkehrschluss: Die bmi schickte also ein bereits in London technisch nicht in Ordnung befindliches Flugzeug mit genau jenen englischen Partytouristen nach Berlin, die wir Ureinwohner über alles lieben…

Es ist mittlerweile nach 21 Uhr. Das inkompetente Bordpersonal reagiert wie ein Haufen aufgescheuchter Hühner, kann die vielen Fragen wie es jetzt weitergeht nur schlecht beantworten. Und wenn dann werden einem Ansagen in rotzigstem Kodder-Englisch präsentiert, die bei aller Liebe selbst von einem Muttersprachler wohl nur schwer hätten identifiziert werden können. Glücklicherweise musste ich meinen Informationsstand nicht diesen Verbalentgleisungen entnehmen denn es war klar das jetzt umgebucht wird und die Damen am Lufthansa Schalter (Star Alliance) warteten bereits auf die gestrandeten Passagiere. Alle anderen Passagiere wurden vom Tegeler Bodenpersonal (nicht bmi-zugehörig) mit Informationen versorgt. Den Langstreckenflug nach Delhi erreichen zu können war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich, da an diesem Abend nichts mehr nach London fliegt, bzw. nichts mehr dort hätte pünktlich landen können. Also geht die Reise morgen los und ich werde auf den Flug Air India genau 24 Stunden später umgebucht. Mein Vertrauen in bmi ist bereits zu diesem Zeitpunkt beschädigt, also nehme ich nicht wieder den 18 Uhr Flug sondern einen früher, verbunden mit einem dementsprechend langen Aufenthalt in Heathrow.

Am nächsten Tag startet der Flug pünktlich, ich darf mit den am Vorabend in Berlin gelandeten englischen Partytouristen gen London fliegen, nur mit dem Unterschied, dass die Parfümfahnen über Nacht gegen Alkoholatem ausgetauscht wurden. In Heathrow angekommen muss ich mich bei Air India melden, um einen Boarding Pass zu erhalten. Schön…, wie sich dort bereits die Inder aufreihen, ohne dass der Schalter besetzt ist. Für die Frage nach Verpflegungsgutscheinen für den langen Aufenthalt in Heathrow – schließlich ist man ja unfreiwillig in diese Situation geschubst worden – fühlt sich keiner der bmi-Mitarbeiter zuständig. Man wird wie in einer Behörde von A nach B beordert, um dann am Ende dieser Kette feststellen zu dürfen, dass der damit beauftragte Agent nicht anwesend ist. Zitat: “Hey, was erwarten Sie?! Es ist ja schließlich Sonntag!”. Nach gut 5 Stunden Wartens trifft der Agent der Air India ein. Der Schalter ist offen, das Hauen und Stechen geht los und ich muss mich das erste Mal gegen die kopf- und planlosen Mitbürger mit dem Punkt auf der Stirn erwehren. Dann allerdings geht alles seinen Weg und ich steige mit 24 stündiger Verspätung in Delhi aus.

Der Defekt der British Midland International hat mich meine Beförderungskette in Indien verpassen lassen, denn eigentlich hätte es nach Sikkim in den Himalaya gehen sollen. Mit weniger als 24 Stunden Vorlauf kriegt man in einem Milliarden Einwohner-starken Land wie Indien eine derartige Beförderungskette nicht um- bzw. neu gebucht. Also war Schadensbegrenzung und Planänderung angesagt: Es geht nach Kalkutta und von dort durch Nordindien.

Nach meiner Rückkehr wollte ich die bmi dafür belangen, dass sie meinen Urlaub verkürzte, mir erhebliche Mehrkosten entstanden und natürlich auch für den organisatorischen Ärger den solch eine Flugannullierung bedeutet. Ich fand keine Niederlassung der bmi in Deutschland, also wandte ich mich an die Firmenzentrale in England. Ich schrieb sie mehrfach per Email, dann per Fax mit Übertragungsprotokoll an, zuletzt via Einschreiben mit Rückschein. Es erfolgte keinerlei Antwort an den Kunden. Eine traurige Praxis die leider viele Airlines so handhaben, bestätigt mir die ARAG. Wenn überhaupt bekämen nur Anwälte eine Anwort fuhr die Beraterin der Versicherung fort. Ergo nahm ich mir einen Anwalt der ebenfalls keine deutsche Adresse (diese ist wichtig für ein Verfahren und Vollstreckung nach deutschem Recht) ermitteln konnte. Der Anwalt erhielt Antwort, allerdings mit gut 4 Monaten Verspätung; 4 Monate nachdem ich die bmi erstmals auf ihren Fehler hingewiesen und meinen Anspruch geltend gemacht hatte. Man versteckt sich hinter der üblichen generischen Floskel, dass die Flugannullierung im Sinne der Sicherheit des Kunden erfolgt sei. Dass die Maschine zuvor bereits problembehaftet von London aus (vollbesetzt!) gestartet war, man also ein in London auf den technischen Defekt und das damit drohende Schicksal hätte reagieren können, spielt jetzt natürlich keine Rolle mehr.

Ferner wird doch allen Ernstes behauptet, dass der technische Defekt ein “außergewöhnlicher Umstand” sei und Fluggesellschaften gemäß der Regularien der Europäischen Union nicht zum Schadenersatz verpflichtet wären. Eine glatte Lüge, denn:

[...] nach den Urteilen des EuGH vom 22.12.2008 (Rechtssache C-549/07) und des BGH vom 12.11.2009 (Xa ZR 76/07) stellen technische Defekte regelmäßig keinen außergewöhnlichen Umstand dar. Dies gilt nach BGH auch dann, wenn das Luftfahrtunternehmen alle vorgeschriebenen oder sonst bei Beachtung der erforderlichen Sorgfalt gebotenen Wartungsarbeiten frist- und ordnungsgemäß durchführt. [...]

Ich könne allerdings auf einen kulanten Rabatt von 50 Pfund für meinen nächsten Flug mit bmi innerhalb der nächsten zwölf Monate zählen, antwortet der zuständige Sachbearbeiter Nigel R. Klee. Ein zeitlich begrenzter Gutschein für einen Flug mit einer Airline, die vor kurzem noch meinen Urlaub zersägte und mir erhebliche Mehrkosten sowie organisatorischen Stress verursachte. Das Leben könnte nicht ironischer sein…

Jetzt müsste das Ganze von einem englischen Anwalt verfolgt, sprich Klage in Großbritannien eingereicht und dort dann ggf. Vollstreckungsmaßnahmen eingeleitet werden. Viele Airlines mit Sitz in westlichen Ländern verfahren so, haben keine deutsche Adresse, können dadurch nicht von deutschen Anwälten belangt werden, lassen den Kunden im Regen stehen und ignorieren ihn. Nur wer zäh ist und die Unfähigen vor Gericht zieht, geht am Ende als Sieger hervor. Zumindest als moralischer, denn die Entschädigungspauschale von je nach Fall 250 Euro bzw. 600 Euro deckt gerade mal die Anreise zum Gericht, da man dort persönlich erscheinen muss.

Die bmi durchkreuzte meine Reisepläne, verkürzte meinen Urlaub, teilte keine Verpflegungsbons für Heathrow aus, war am Abend des Defekts nicht in der Lage ihre Passagiere zu informieren und ignorierte obendrein die mehrfache Aufforderung bzgl. ihrer Schadenersatzpflicht um sich dann letzten Endes mit einer Lüge aus dem Verkehr zu ziehen. Sie antwortete wenn dann nur einem Anwalt. Würde eine natürliche Person ein solches Betragen an den Tag legen, würde ihr Verhalten von jedem Psychologen dieser Welt als gesellschaftsinkompatibel und psychotisch klassifiziert werden.

NIEMALS WIEDER bmi…! Und das lege ich auch jedem der diese Zeilen hier liest ans Herz! Ob Realität werdend oder nicht, ein Ticketpreisvorteils von 20 Euro wiegt derartige potentielle Scherereien, Mehrkosten und Unannehmlichkeiten nicht auf. Unternehmen mit derartiger Philosophie gehören vom Markt – also durch uns, die Zahlenden – ganz klar abgestraft.