Verschollen im Tempelhofer BerMuDa-Dreieck

Nimmt der Berliner das Wörtchen BerMuDa in den Mund, dann ist allen Geographiekenntnissen zum Trotz meist immer noch das Eldorado an der Spree denn der Atlantik kurz vor Amerika gemeint. Im naßkalten November wiegen sich alles andere als Palmen im Wind, was klimatisch gesehen zwar kein wirkliches Highlight aber die beste Ausgangsposition ist, um es in den vier Wänden der Tempelhofer Flugzeughangare samt Cocktail mit kleinem Sonnenschirmchen ordentlich krachen zu lassen. Anlass waren die Berlin Music Days, deren Abschluss mit einem Indoor-Festival und einer Vielzahl international bekannter Acts der elektronischen Musik begangen wurde.

Am Flughafen in Berlin-Tempelhof und dessen Nutzung schieden sich Geister. Es bauten sich ebenso harte Argumentationslinien auf, wie man sie in dieser Stadt aus den schier unendlich anmutenden Debatten über Underground, Szene und Kommerz her kennt, denn, »hätte es Tempelhof nicht gegeben, dann hätte uns der Russe kassiert!«. Der Russe kassierte nichts, dafür aber unser Mann der Stunde Friedbert Pflüger eine Niederlage, denn hätte er damals im Spätsommer 2008 »das klare Votum der Berliner für die Offenhaltung Tempelhofs« tatsächlich eingefahren, dann würden heute wohl immer noch eher kleine Privatmaschinen, ölverschmierte Mechaniker sowie die auf dem Rollfeld patrouillierende Bundespolizei die Szenerie prägen.

Zurück in der Realität angekommen geht der circa 1,2 Kilometer lange Bogen des Flughafengebäudes allerdings einen anderen Weg. Events wie z.B. das MTV Designerama oder aber das Diana Ross Konzert zeigten einem der längsten zusammenhängenden Gebäude Europas bereits früh seine neues Schicksal, sprich Berlins kulturell-hedonistische Spielwiese mit aviatisch-besonderem Ambiente nebst Naherholungszone an der Rollbahn zu werden; ein Austragungsort wie geschaffen für das finale Event der Berlin Music Days, dem Abschlussfestival Fly BerMuDa, dessen Namensgebung entfernt schon Assoziationen an die indonesische Pannenairline Garuda weckt. Pannen gab es keine und man kam auch nicht in den Genuss einem Absturz auf Papua-Neuguinea entgangen zu sein.

Anschnallen war dennoch angesagt, denn bereits ein flüchtiger Blick auf das von Technolegenden geprägte Line-Up des Indoorfestivals reichte aus, um das Rave- und musikalische Explosionspotential des Tempelhofer Indoorreigens erkennen zu können. Das unter der Federführung der Macher des Watergates nicht nur über die Landebahn hinaus schlittern angesagt war, bewies aber in erster Linie der zweite Floor, der mit Acts wie Thomas Fehlmann, Âme oder Henrik Schwarz ins Rennen ging und mit intelligentem als auch strammen, mit Techno angezecktem Deep House aller Couleur überzeugte. Auf der Hauptbühne des ersten Hangars war zunächst Watergate Resident-DJ Sebastian Wilck der Wegbereiter für den ersten Live Act des Abends: The Koletzkis.

Für intellektuelle Technojünger war sicherlich Thomas Fehlmann eine, wenn nicht sogar DIE Anlaufstation des Festivals; ein Act, der leider viel zu früh angesetzt war, aber zum richtigen Zeitpunkt durchstartete und die Basis dafür legte, was sich zu späterer Stunde im Hangar 2 bei Dixon, Âme und Henrik Schwarz in Sachen Energie entlud. Für den einleitenden Part in Hangar 2 zeichnete sich Henrik Bertsch verantwortlich, ein ebenfalls aus dem Watergate bekannter DJ.

Die Überraschung des Abends war Booka Shade, deren Live Act sich komplett durch den gesamten Mainfloor einmal hin und wieder zurück trommelte. Live Acts bei denen etwas passiert sind rar gesät. Aseptisch von Interaktion mit dem Publikum befreite, nahezu selbstverliebte Darbietungen wie die des später noch folgenden Paul Kalkbrenner, können sich von Walter Merziger und Arno Kammermeier eine dicke Scheibe abschneiden. Stimmungsmäßig nahm es die Booka Shade Jungs derart mit, dass Arno drauf und dran war zum Stage Diving überzugehen, wäre da nicht der massive Bühnengraben gewesen…

Während Booka Shade den Mainfloor auseinander nahmen, gingen im Hangar 2 die Jungs von Tiefschwarz ans Werk. Der semipermeable Vorhang hinter dem sie agierten bot eine recht düstere Lichtkulisse, die ab und an von Ali Schwarz’schen Schreien Vocals unterbrochen wurde.

Gegen 0:30 Uhr übernahm dann der blonde Heilsbringer aus dem Hause Cocoon die Regler auf der inzwischen zur XXL-DJ-Kanzel umgebauten Hauptbühne. Sven Väth feuerte auch gleich fleißig seine Salven ab und ließ kein Bein mehr stillstehen. Gemessen an den normalerweise vor Agilität und Emotionen strotzenden DJ-Sets des gebürtigen Obertshauseners wirkte seine Darbietung auf der Fly BerMuDa allerdings ein wenig abgebrüht; ein Fußballer würde wohl eher das Wort Pflichtspiel in den Mund nehmen.

Eine noch viel engere Definition von Dienst nach Vorschrift galt wohl für Paul Kalkbrenner, der seinen Live Act auf dem Fly BerMuDa gelinde gesagt relativ glanzlos über die Bühne brachte. Böse Zungen würden wohl behaupten, dass es nur sehr wenige Unterschiede gäbe, wenn man Kalkbrenners CD abspielt und dazu einen x-beliebigen, fiktiv an den Knöpfen drehenden Glatzkopf hinters Pult gestellt hätte. Den harten Kern der Kalkbrenner-Fans wird das sicherlich wenig gekümmert haben, hatten sie doch seit langem mal wieder die Chance ihr Idol endlich mal wieder außerhalb von in Möbelhäusern und Gartenmärkten für Berlin Calling abgehaltenen Autogrammstunden antreffen und (viel wichtiger) ihn auch mal wieder musikalisch vor großer Kulisse in Augenschein nehmen zu dürfen. Generell kann man die fehlende Motivation der an den Reglern stehenden Protagonisten schlecht dem Festival ankreiden, das muss ganz klar an den jeweiligen Künstler adressiert werden. Ganz anders gingen die in Hangar 2 gesetzten DJs und Live Acts zu Werke. Da wurde mitgegangen, mit dem Publikum interagiert und gemeinsam elektronische Musik zelebriert. Von Sebo K in die Spur gebracht, brannte zu Dixon, Âme und Henrik Schwarz die Hütte.

Sepp Herberger hätte wohl gesagt: “Flugzeughangare sind Flugzeughangare”, welche damals nicht mit dem Ziel errichtet wurden irgendwann mal als Konzert- oder Technokulisse zu dienen. Vor diesem Hintergrund schlug sich das zum Einsatz gebrachte Soundsystem mehr als wacker. Eine wie zum Berlin Festival vorliegende, enttäuschende breiige Akustik stand definitiv nicht zur Debatte. Eine mehr als unterirdische Leistung allerdings lieferte das Catering von Cookies ab. Sofern das Ruinieren des eigenen Rufs als Unternehmensziel vorgegeben wurde, ist das Cookies Catering nicht nur auf dem richtigen Weg sondern muss mit Planübererfüllung rechnen. Die beim Lesen von ‘American Beef Burger’ ausgelösten, vor Fleischgewalt strotzenden Assoziationen wurden herb enttäuscht, da nichts weiter als ein kronkorkengroßes Stück Fleisch im handelsüblichen Toasty eines großen deutschen Discounters rübergereicht wurde. Mit einem Happs war der im Mund… Aber das wird sich anlässlich der nächsten Berlin Music Days sicherlich ändern. Der Rest kann bis auf ein paar kleine Optimierungen, die jedes gerade erst ins Rennen gegangene Festival mit sich bringt, gern so bleiben wie er ist.