Afrika aufs Dach gestiegen – Das äthiopische Hochland

An das abessinische Hochland branden jene wolkigen Wassermassen an, die in finaler Instanz die Quelle des Blauen Nils bilden. Besonders dramatisch wirkt die Region um die Simien-Berge, deren vulkanischer Ursprung Pflanzen derart gut gedeihen lässt, dass selbst Paviane zum Vegetarier werden. Bei jedem Schritt hat man den Duft von wildem Thymian in der Nase und ab und zu haken sich diverse Dornen zärtlich in den Oberarm ein. Schnell findet man sich auf 4000m Höhe Aug in Aug mit dem kolossalen Lämmergeier oder majestätischen Adlern wieder, und hat vielleicht sogar das Glück den einzigartigen und sehr seltenen äthiopischen Wolf beobachten zu können.

Pünktlich um 9 Uhr kommt der Regen. Und kommt er nicht um 9, dann spätestens um 10. Ein Glück ist hier von der äthiopischen Lesart der Uhrzeit die Rede und nicht von verregneten Vormittagen. Die Äthiopier haben nicht nur 13 Monate, sie lesen auch die Uhr anders. Folglich müssen sich Wanderer erst gegen 15:00 Uhr auf Regen einstellen.

In den Vormonaten der Regenzeit kann es durchaus schon mal wie aus Eimer gießen. Damit sind kurze scharfe Regengüsse gemeint, die mit dem Volumen einer Badewanne über einen hereinbrechen. Pfade werden dann glitschig und selbst das beste Schuhwerk gibt dann keinen Halt mehr. Die Wetterumschwünge im äthiopischen Hochland stellen den uns bekannten April um Längen in den Schatten.

Mit der Dramatik der Simien-Berge können die uns bekannten Hoch- und Mittelgebirge definitiv nicht Schritt halten. Schroffe Felsen und Abgründe, die aus dem Nichts messerscharf satte 600 Meter tief abfallen. Bevor man allerdings in den Genuss der Gipfelaussicht kommt, ist erst einmal Wandern und Klettern angesagt. Getreu dem Motto “Wandern bis zum Bänderriss”, kann man je nach Streckenführung schon mal eine Tagesration von 50km zurücklegen. Durch die vielen Hochs und Runter landet man zack bei (absolut gesehen) fast 3000 zurückgelegten Höhenmetern und spätestens dann entwickelt sich eine 20kg Fotoausrüstung auf dem Rücken zum Fluch. Die geniale Lichtstimmung am Abend und das grandiose Wildlife einfangen zu können, entschädigt allerdings für alle Strapazen.

Die Temperatur ging in der Nacht ordentlich nach unten. Es muss wohl um den Gefrierpunkt gewesen sein, denn die Sohle der Schuhe ist ein wenig steif gefroren. Ein Glück standen die Schuhe noch vor dem Wigwam und sind kein Spielzeug geworden, denn draußen grasten bereits Dscheladapaviane die Gegend ab während im Zelt die Äugelein aufgingen. Eine Gruppe von gut 200 Tieren hatte sich eingefunden und lies sich nicht mal ansatzweise von der Gegenwart des Menschen stören. Einzig die Weibchen schieben sich immer wieder zwischen Wanderer und Nachwuchs. Kein Wunder, denn teilweise kommt man bis zu 50cm an die Tiere heran.

Die Geräuschszenerie ist eine Mischung aus Mampfen, Gras rupfen und dem ein oder anderen Pavian-Laut. Ihre rote Stelle, und das ist das Besondere an den Dscheladas, haben diese Paviane nicht hinten sondern vor, sprich auf der Brust, weshalb sie auch Blutbrustpavian oder als Pavian mit dem blutenden Herz bezeichnet werden. Aufgeschreckt werden sie nur kurz, wenn mal wieder ein riesiger Schatten über die Wiese huscht. Die fast 3m Flügelspannweite des Lämmergeiers (auch Bartgeier) muss für die Affen wohl wie ein Jumbo-Jet anmuten. Doch nicht der Geier sondern vielmehr die vielen in den Simiens beheimateten wunderschönen Adler lassen das Pavianblut in ihren Adern gefrieren.

Ein ganz anderer Jäger ist wesentlich schwieriger zu entdecken. Plötzlich reckt mein Scout den Zeigefinger gen Horizont. Der Blick durchs Teleobjektiv als auch durchs Fernglas bestätigte: ja, es ist ein Haufen Steine. Irgendwann allerdings fingen vier Beine an zu laufen und es war klar, dass ich eines der seltensten Tiere der Welt zu sehen und (viel besser) auch vor die Kamera bekam: den äthiopischen Wolf. Er erinnert mehr an einen Fuchs oder Schakal, ist aber der seltenste aller Wildhunde. Auch wenn er vor mir wegläuft, so ist es einfach nur schön das Streiflicht der Morgensonne durch sein Fell blitzen zu sehen.

Einer der schönsten Aussichtspunkte ist Imet Gogo, welcher in weniger als einer Stunde vom Geech Camp aus zu erreichen ist. Von dort oben hat man eine herrliche Aussicht auf nahezu alle Schluchten und sogar auf Äthiopiens höchsten Berg, den Ras Dashen (4550m). Die Einheimischen glorifizieren diesen gern mal als dritt- oder vierthöchsten Berg Afrikas, vergessen dabei aber die komplette Kette der gut 4800m hohen Ruwenzori-Berge. Durchschnittlich gesehen bewegt man sich immer auf gut 3800m Höhe, was den Flachlandtiroler bei viel Gepäck und dünner Luft ordentlich japsen lässt.

Die Fahrt zurück nach Debark glich angesichts der Wanderstrapazen einer Erlösung. Klappe zu, Affe tot, Licht aus! Schlafen…