John Digweed pflügt Poznan um

Der in Poznan beheimatete SQ Club ist definitiv eine der heißesten Adressen des polnischen Nachtlebens. Seit nunmehr 4 Jahren geben sich dort die DJ-Größen die Klinke in die Hand und zum vierten Geburtstag stand mit John Digweed ein ganz besonderes Schmankerl auf dem Programm. Tatkräftig vom SQ Resident-DJ Hagal und dem Warschauer Peres unterstützt, ließ sich der Brite nicht lumpen und lieferte ein vierstündiges Monster-Set ab.

Am SQ angekommen, hatte sich schon gefühlt halb Poznan zum Warten im Treppenhaus eingefunden. Der Club wurde in den Sommermonaten umgebaut und kaum das man die Abendkasse hinter sich ließ, fiel einem auch schon der optische Star ins Auge: die den kompletten Dancefloor umarmende LED-Animationsscreen, welches das SQ optisch in die Sphären eines polnischen Watergates hievt.

Die vierte Clubgeburtstag wurde vom Warschauer DJ Peres losgetreten. Der aus Katowice stammende Aktivist lebt schon seit einiger Zeit in Warschau, gehört zu den bekanntesten Gesichtern Polens und bespielt nicht nur in der Hauptstadt regelmäßig die Clubs. Seine Mixtur aus warmen Techhouse Grooves und soliden Rhythmen untersetzt mit einem leicht melodiös, progressiv-funky Touch hatte es nicht sonderlich schwer die Schlange stehenden Gäste direkt vom Eingang auf die Tanzfläche zu ziehen.

Gegen Mitternacht gesellte sich mit Hagal ein weiterer polnischer DJ-Protagonist hinzu. Back 2 back spielend ergänzten sich die beiden wunderbar und speziell die durch die Bank weg sehr hübsche polnische Frauenwelt zögerte keinen Moment zu diesem alles erfassenden Groove ihre sexy Hüften schwingen. Musikalisch profitierte der SQ Club immens durch Hagals Engagement, der sich als Resident-DJ für den Großteil der berüchtigten Freitagnächte verantwortlich zeichnet. Egal ob deep, hypnotisch oder treibend – der hochgewachsene schlanke Kerl hat ein untrügliches Gespür welche Mischung aus House und Techno die Leute auf dem Dancefloor zum Durchdrehen bringt.

Seine Fähigkeiten konnte er bereits vielfach im legendären Warschauer Klatka oder auf der Hauptbühne des Creamfields Poland 2006 unter Beweis stellen, so auch im April dieses Jahres als John Digweed ursprünglich im SQ spielen sollte sprang Hagal in die Bresche und stellte den Laden derart fundamental auf den Kopf, dass es die Enttäuschung über Digweeds überraschendes und plötzliches Nichterscheinen selbst bei eigens aus Moskau angereisten Fans im Nu vergessen machte.

Legt man die 1:1-Beziehung zwischen Clubalter und Spielzeit zugrunde, dann hatte Digweed wohl gehörig Schwein das der Club nur vier und nicht zwanzig Jahre alt wurde. Kaum hatte John die Regler übernommen, wurde die Helligkeit des Clubs erheblich runtergefahren und die LED-Wand schwang das Zepter. Was sich fotografisch gesehen als erhebliche Herausforderung gestaltete, denn selbst Saddam hatte in seinem Erdloch mehr Licht zur Verfügung als unsereins und Rotlicht zersägt ja immer so schön die Details…

Digweed lieferte ein DJ-Set mit der Sprengkraft eines überalterten EnBW-Kernkraftwerks ab. Die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit war vergessen, der Boden des Dancefloors erbebte und garantiert kein Fuß stand mehr still als uns John Knaller nach Knaller servierte. Schade das großartige Momente leider immer wie im Fluge vergehen müssen. Die vier Stunden Digweed zumindest waren ein musikalischer Überschallflug und ein mehr als gelungenes, unvergessliches Geburtstagsständchen.

Während in Deutschland Politiker von CDU und FDP mal wieder versuchen Geschichte und Gegenwart auf den aktuellen Stand der Lügen zu bringen, wird, wenn sich zwei Staaten auf international-musikalischer Ebene annähern, brauchbare Realpolitik einmal mehr nur von den Kleinen dieses Landes gemacht. Wieder in Berlin angekommen, sind die durch die Bank hübschen Frauen (leider) in Poznan geblieben, setzt der prognostizierte Regen ein und der Fernsehturm versteckt sich im Wolkenmatsch.