Techno auf High Heels – Scarlett Etienne im Watergate

Der Name Scarlett erinnert immer irgendwie automatisch an Rhett Butler, Baumwollplantagen nahe Atlanta und Yankees, die den Südstaaten eins auf die Mütze geben wollen. Verlagert man den mit zehn Oscars prämierten Schinken Vom Winde verweht vor einen musikalischen Hintergrund, dann wird Atlanta zu Berlin, die Baumwollplantagen verwandeln sich ins Watergate und Mitja Prinz könnte die Rolle von Rhett Buttler übernehmen. Was aber bleibt ist eine Scarlett, die uns Marodeuren des Nachtlebens ordentlich eins aufs Mützchen gab: Vom Bassdruck verweht.

Persönlich liefen Miss Etienne und ich uns zuletzt beim 2006er Creamfields in Wroclaw über den Weg, als wir uns ein Taxi teilten, um zum Festivalgelände zu gelangen. Damals punktete sie mit einem der ersten DJ-Sets für die Podcastserie des damals in Deutschland noch weitgehend unbekannten Resident Advisor; einer Community, dessen Führung trotz manisch-generischer Berlinaffinität und anschließendem Umzug in unsere Hauptstadt, noch nicht einmal heute weiß, was der Alex ist.

Die Welt der elektronischen Musik kennt Miss Etienne natürlich schon ein wenig länger, betrachtet man jedoch ausschließlich einmal den Zeitraum von 2006 bis in die Gegenwart, dann wird einem schnell der kometenhafte Aufstieg dieser jungen Dame bewusst. Will man sie buchen, muss man heute immerhin schon bei niemand geringerem als Excession anklopfen. Dem entsprechend voll ist ihr Terminkalender.

Der Abend begann in der Bar23, die von Stammgästen aus genau ein und demselben Grund entweder selten, oder aber täglich besucht wird, denn was die alkoholische Grundlage von Cocktails angeht, ist Barmann Andreas durch die Bank weg recht spendabel ;-) Es ist aber mehr als nur das Zuprosten, dass den Charme dieser gemütlichen, an eine Pinte in Palermo Hollywood (Buenos Aires) erinnernden Bar ausmacht. In Sachen Musik läuft oft ein sehr netter deeper Groove nebenher; ein zeitloser Sound, der die Anzahl der Biere, Caipis und Mojitos schnell verwischen lässt, und der dem unteren Floor des Watergate in Sachen musikalischer Kultur in nichts nachsteht. Die Bar23 spielt definitiv in der Bundesliga der Anlaufpunkte in Sachen Warm-Up für eine lange Berliner Nacht.

Am Watergate gegen kurz nach halb eins angekommen, war die um Einlass begehrende Schlange noch recht übersichtlich. Das änderte sich im Laufe des Abends erwartungsgemäß und spätestens gegen zwei war die Bude voll. Da sag noch einer, dass Berliner Gesetze sich nicht selbst bestätigen würden, selbst ungeschriebene Gesetze :-) Auf dem Waterfloor waren die ganze Nacht über die Jungs von Mind the Crap am Werk, gegen eins war allerdings erst einmal eingrooven angesagt. Der Mainfloor ging ein wenig später ins Rennen, die Nacht wurde dort von Yes!-Initiator Mitja Prinz eröffnet. Sein Set verkörperte genau das, was ich persönlich von einem Warm-Up erwarte: die perfekte Soundmischung aus deep, loopig, atmosphärisch, um dann zu fortgeschrittener Stunde mehr und mehr an Fahrt zu gewinnen.

Kurz vor vier übernahm dann die Dame in High Heels. “Diese Schuhe… Meine Füsse bringen mich um, aber wenigstens kann ich über den Mixer gucken”, entgegnet Scarlett mit einem dicken Grinsen und Zwinkern im Gesicht. Frauen sehen sich oftmals mit einer substanzlosen Diskussion über musikalische Werte und den Einsatz von Reizen hinter den Decks konfrontiert. Ein paar weibliche Reize gehören aber bei Frauen eines gewissen Formats einfach mal dazu. Denn neben aller Musik kommt auch ein gewisser Flirt mit ins Spiel, der in einer Welt voller DJs nicht zuletzt genau DAS Quäntchen Unterschied ausmacht. Und so schmiss sich Scarlett für uns vor dem Gig absolut lady-like nochmal in Schale, zog ihre Lippen nach, huschte mit Puder über den Teint und rückte den entzückenden Rock zurecht.

Als wir uns da letzte Mal sahen, setze Scarlett noch voll und ganz auf Vinyl. Mittlerweile hat die technische Entwicklung die 12 Zoll durchmessenden Scheiben überholt und heute gehts mit leichterem Gepäck auf Reisen. Ihr Repertoire in Sachen Techno versteckt sich auf einem roten MacBook und wird mittels Traktor Scratch unter die Massen gebracht. Bis in die frühen Morgenstunden servierte Miss Etienne eine herrlich treibende, wilde Mischung aus progressivem Techno. Mit dabei die ein oder andere Rekids Produktion, sprich Radio Slave satt, oder aber Beats aus dem Hause Smith & Selway, Dubfire oder Danny Tenaglia. Um derartigen Sound gen Ohr und zu transportieren, bot und bietet das kristallklare Soundsystem des Watergate den perfekte Rahmen. Man kann vom Resident Advisor Volk halten was man will, einer der sinnfreien RA-Verpeiler brachte es aber anlässlich Scarletts Podcast Debüt auf den Punkt: “That Girl is a Bomb!” Und da hat er ganz einfach mal Recht.

Und für alle Vergeßlichen unter uns kommt hier der ultimative Reminder:
http://www.ist-merkel-kanzlerin.de

Persönliche Anmerkung
Als Fotograf dringt man immer in die Privatsphäre einer Party ein. Das ist unvermeidlich. Bei Clubs wie dem Watergate, mit einem generellen Foto- und Videoverbot, ist das natürlich doppelt pikant und man wird relativ häufig mit den unterschiedlichsten Reaktionen konfrontiert. Die von mir gezeigten Fotos sind exklusiv und entstanden sowohl damals als auch heute immer in sehr enger Abstimmung mit dem Eigentümer. Sie sollen den Spagat zwischen kompletter medialer Abstinenz und ein wenig fotografischer Präsenz wagen, ganz nach dem Motto: hey, da gibts ja DOCH ein paar aktuelle Eindrücke zu sehen. Trotz des super dunklen Clubs und den ständig wechselnden Lichtern, habe ich weitestgehend auf den störenden Blitz verzichtet. Das macht sich auch bei bester technischer Ausgangslage natürlich in einem geringfügig höheren Maß an Bildrauschen & Unschärfen bemerkbar. Die Fotos konzentrieren sich ganz bewusst nur auf die Künstler, den Dancefloor und die Lichtstimmung. Bei mir braucht keiner Angst zu haben am nächsten Tag auf unliebsame Fotos zu stoßen, denn: what happens in the club, stays in the club!