Ulrich Schnauss sagt: Goodbye
Gerade erst erschien das dritte Album aus dem Hause Ulrich Schnauss. Im Januar bereits, während Ulrich noch fleißig an Musik und Sounds arbeitete, setzte ich mich mit dem Herrn aus Kiel, der jetzt in London lebt, zusammen, um über Musik, Inspiration und das Leben zu philosophieren.
FW: Hallo Ulrich. Dein neues Album “Good Bye” hat ja lange auf sich warten lassen. Insofern man überhaupt von so etwas wie einem Plan sprechen kann, gab es so etwas wie außerplanmäßige Schwierigkeiten? Oder ist es nur die gute alte Regel “Gut Ding braucht Weile” die dahinter steckt?
Es gab außerplanmäßige Schwierigkeiten: zum einen habe ich erst sehr spät mit der Arbeit zu diesem Album begonnen, da es zu viele interessante Gig- und Remixangebote gab. Zum anderen hatte ich eine sehr präzise Vorstellung davon, wie die neue Platte klingen soll. Nun ist das meistens eher ein Vorteil, allerdings stellte sich im Verlauf dann heraus, dass sich diese Vorstellung nur unter größeren Schwierigkeiten im Studio in Musik umsetzen ließ. Jetzt bin ich mit dem Ergebnis aber sehr zufrieden.
FW: Die Wahl des Labels spielte eine größere Rolle. Nach welchen Kriterien entscheidest Du?
Es nicht unwichtig zumindest eine Person beim Label als Ansprechpartner zu haben, die ungefähr nachvollziehen kann, worauf du letztendlich hinaus willst - bei Dave Boyd (der in den 90ern das großartige Hut Label mit Moose, Revolver und Verve gemacht hat und seit einem Jahr Independiente leitet) hatte ich von Anfang an ein gutes Gefühl, dass man sich nicht nur persönlich, sondern vor allem auch inhaltlich versteht. Durch den Umzug nach London bedingt wollte ich die nächste Platte ohnehin bei einem englischen Label machen. Zudem bietet sich so hoffentlich die Möglichkeit noch weiter aus dem Electronica/IDM-Ghetto auszubrechen.
FW: Ein Albumtitel drückt zumeist etwas aus. Hat der von Dir gewählte Titel “Goodbye” eine tiefere Bedeutung?
Eine zentrale Rolle für meine Musik haben schon immer Gefühle, die im Zusammenhang mit Fernweh und Sehnsucht stehen, gespielt. In Situationen des Abschieds treten diese Emotionen besonders stark in den Vordergrund. Der Titel bot sich an, weil sehr viele (wenn nicht alle) Stücke auf dem Album solche Situationen reflektieren (ein Abschied wahrgenommen als Aufbruch, Ende, Anfang im Zusammenhang mit Trauer, Hoffnung etc).

FW: Drückst Du mit Deinen Liedern generell etwas aus? Einen Zustand in Deinem Leben oder gar politische bzw. gesellschaftliche Zustände?
Ich sehe meine Musik nicht als Instrument um unmittelbar politische Botschaften zu verbreiten. Allerdings steckt im offensichtlichen, auf die spitze getriebenen Eskapismus dieser Musik (das gilt ganz sicher nicht nur für meine Platten) eine indirekte Kritik. Wäre ich mit den aktuellen Verhältnissen einverstanden, “im Einklang mit mir selbst und allem”, würde ich keine Musik machen, die fast durchgängig den Wunsch, diesem ganzen Wahnsinn zu entkommen, artikuliert.
FW: Bist Du lieber live oder als DJ zugange?
Meine DJ-Gigs sehe ich als eher weniger ernsthafte Freizeitbeschäftigung - eine gute Möglichkeit sich auf ein paar Biere einladen zu lassen. Solo-Live-Auftritte finde ich eher unangenehm, da ich bisher keine überzeugende Möglichkeit gefunden habe, meinen Studio-Sound live zu reproduzieren, ohne zu sehr auf Backing Tracks von der Festplatte angewiesen zu sein. Ich bin allerdings gerade dabei, ein paar interessantere (spontanere, freiere) Live-Varianten auszuprobieren.
Die Gigs die ich spiele haben generell eher einen Underground/Indy- denn Rave-Charakter. Das erinnert mich an meinen bisher schwierigsten Auftritt, vor 2 Jahren in L.A., weil ich mit über 39 Fieber so meine Probleme hatte den Gig überhaupt durchzustehen. Der hingegen beste Auftritt war vielleicht London vor 1½ Jahren. Es war der zweite Gig mit Judith und das erste Mal überhaupt, dass diese neue Konstellation “funktioniert” hat.
FW: Kannst Du einen kurzen Einblick in Deine Weise zu produzieren gewähren? Hast Du Dich für “Goodbye” im Gegensatz zu den ersten zwei Alben in etwas total Neues einlassen oder -arbeiten müssen?
Am Anfang steht eigentlich immer ein am Klavier entstandener Song. Ich fange dann am Rechner an Spur für Spur ein Arrangement (Basslinie, Rhythmus, weitere melodische Themen etc) zu erstellen. Als klangliche Basis verwende ich fast ausnahmslos Hardware-Synthesizer bzw. Instrumente. So kommt auf 3 Stücken des aktuellen Albums z.B. auch Gitarre zum Einsatz. Die einzelnen Spuren zeichne ich im Rechner auf und “behandele” sie mit Plug-In- und Hardware-Effekten. Hier liegt auch die Neuerung im Vergleich zu den vorangegangen Alben. “Isolated Place” und “Far Away Trains” sind noch ausschließlich mit Hardware-Effekten und Atari-Sequencing eingespielt worden. Die Arbeit mit Audio-Spuren hat mir viele neue Möglichkeiten eröffnet.

FW: Deine Arbeiten erscheinen oft auf Chill-Out-CDs. Chill-Out wiederum vermittelt oftmals eine entspannte Atmosphäre, steht für eine Auszeit von der Gegenwart und gedankliche Freiheit. Wo und wann fühlst Du Dich entspannt, dem Alltag entflohen und frei?
Ich wette Du kennst die Antwort bereits: beim Musik machen & hören natürlich. Musik ist für mich schon immer der ultimative Fluchtpunkt gewesen, eine Art Selbst-Therapie.
FW: Apropos Alltag, was machst Du, wenn Du nicht produzierenderweise tätig bist? Hast Du einen “richtigen” Job?
Nein, seit einigen Jahren schon gelingt es mir, meinen Lebensunterhalt ausschließlich über die musikalischen Aktivitäten zu bestreiten. Eine ungewöhnliche Situation, die ich sehr zu schätzen weiß.
FW: Welchen Einfluss hatten bzw. haben Compilations auf Dein Schaffen? Immerhin begegnet durch z.B. Global Underground 24 “Reykjavik”, oder die aber die neue #30 “Paris”, Deine Musik einer größeren, vielleicht nicht so Chill-Out orientierten Zahl von Hörern.
Nun ja, letzten Endes ist es für mich nur schwer nachvollziehbar, wer auf welchem Wege auf meine Sachen aufmerksam geworden ist. Ich weiß aber, dass Nick Warren und besagte Global Underground Compilation eine nicht unwichtige Rolle gespielt haben.
FW: Insofern man Deine Hörerschaft geographisch Betrachten kann: wo bist Du am begehrtesten?
Ich denke, die Kern-Hörerschaft befindet sich schon in England und den USA. Ich bin aber immer wieder erstaunt, wie viele Leute zu Gigs selbst in weniger offensichtlichen Regionen wie z.B. Estland, Israel kommen.
FW: Was erachtest Du als wichtige Erfahrung auf dem Weg den Du bisher beschritten hast? Gab es z.B. eine Schlüsselsituation oder ein super positives Feedback von unerwarteter Stelle?
Durch die 90er hinweg habe ich erfolglos versucht, meine musikalischen Vorstellungen durch die Beigabe von zur damaligen Zeit hippen Versatzstücken zu verkaufen. Für mich persönlich war es eine sehr wichtige Entscheidung, diese Anbiederei sein zu lassen und endlich meine Ideen unverwässert umzusetzen. Daraus entstand dann “Far Away Trains”.

FW: Welches sind für Dich die größten Vor- und Nachteile der gegenwärtigen Musikbranche? Wo siehst Du Chancen bzw. Hindernisse?
Ich werde kaum in der Lage sein, etwas Neues zu dieser überstrapazierten Diskussion beizusteuern. Natürlich bietet die durch Downloads und Internet veränderte Situation viele Chancen. Das überragend große Angebot und die damit verbundene Schwierigkeit für neue Künstler aus dieser Masse hervorzutreten, könnte sich aber auch als immenses, kontraproduktives Hindernis erweisen. Wir werden sehen…
FW: Auf der Erde gibt es viele Probleme, von Umwelt bis Politik und Kriege sind alle Themen (leider) vertreten. Welches Problem siehst Du als zukünftiges Schlüsselproblem an und welche Rolle könnte Musik darin spielen?
Noch vor ein paar Jahren hätte ich als Lösung des “Schlüsselproblems” die Abschaffung des Kapitalismus gefordert. Zwar würde ich diese Forderung prinzipiell aufrecht erhalten, unglücklicherweise sind aktuell jedoch wesentlich bescheidenere Zielsetzungen angebracht. Aufgrund der immer stärker werdenden Bestrebungen, die kapitalistische durch noch barbarischere Formen von Herrschaft zu ersetzen, bleibt nicht viel mehr übrig, als die wenigen verbliebenen Freiheiten gegen einen Rückfall ins Mittelalter zu verteidigen. In der Hoffnung, dass so wenigstens für eine entferntere Zukunft eine Alternative denkbar bleibt.
FW: Was wird die Zukunft für Ulrich Schnauss bringen?
Mit der Electronica-Szene habe ich persönlich kaum noch Berührungspunkte. Die größte Nähe sehe ich zu der Gruppe von amerikanischen Underground-Bands, die sich (ähnlich wie ich) dem Shoegazing-Erbe von My Bloody Valentine bis Cocteau Twins, von Spiritualized bis Chapterhouse verpflichtet fühlen. Es gibt dort momentan eine schier unerschöpfliche Fülle an guten Sachen, die nur darauf warten, entdeckt zu werden: Mahogany, Elika, Airiel, Lovesliescrushing, Soundpool, Francis7, Daysleepers, High Violets etc, die Liste ist endlos.
Für das nächste Album möchte ich mich endgültig von noch vorhandenen Trend- und Aktualitätsrückstanden befreien. Ich habe eine ziemlich klare Vorstellung von einer Platte, die auf traditionelleren Elektronikstrukturen beruht und es mir ermöglichen könnte, meine musikalischen Einflüsse & Interessen bis zur Unkenntlichkeit zu vermischen.
Interview für Filter27
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