Noch ewiger als Rom – Damaskus

Dimashq, 3 Uhr in der früh, die Frisur sitzt. Als ich am Damaszener Flughafen ankam, wusste ich noch nicht, dass Damaskus, von den Syrern liebevoll Damas genannt, das Highlight meiner Reise werden sollte. Das Einreise-Prozedere lief unkompliziert von statten. Innerhalb weniger Augenblicke hatte ich den Stempel drin, das Ausreiseformular in der Hand und war auf dem Weg zum Gepäckband. Auch zu nächtlicher Stunde hat man alle Chancen sich fortbewegen zu können, bevorzugt natürlich per Taxi, da am Flughafen zu dieser Zeit sehr selten Minibusse halten. Die verlangten 10 Dollar (oder aber 500 Pfund) für die Fahrt in die Stadt sind ok, zumal die Strecke gut 25km lang ist. Genächtigt habe ich alle Male im al-Haramein, welches ich Backpackern nur empfehlen kann. Wenn auch nur jeweils nur mit einer Etagentoilette ausgestattet, war es durchweg sauber, preiswert und freundlich. Heizungen trifft man in Syrien generell selten an. Von daher rate ich das Angebot zusätzlicher Decken auf jeden Fall anzunehmen. Das al-Haramein half mir auch beim Verschicken von Postkarten und allerlei anderen Auskünften wie z.B. zu nationalen Bussen oder aber den städtischen Taxipreisen.

Geldautomaten sind mittlerweile überhaupt kein Problem mehr. Allein in der Gegend um das al-Haramein in Richtung Yussuf al-Azmeh Street gibt es 3 an der Zahl. Derar komfortabel mit Bargeld versorgt, kann man sich problemlos kurz nach dem Aufwachen ein großes Glas frisch gepressten Orangensaft gönnen; dazu ein paar frisch gebackene Dattelfinger oder Baqlawa und der Tag kann kommen. Auch ist dieses kulinarische Vergnügen für europäische Verhältnisse alles andere als teuer: lediglich 30 bis 60 Cent stehen dieser Art in den Tag zu starten “im Wege”.

Beim Schlendern durch Damas’ Strassen gelangt man schnell in Kontakt mit der Altstadt, die durch die großen überdachten Basare (Souqs) dominiert wird. Einer dieser, um nicht sagen sagen der Souq schlecht hin (Souq al-Hamidiyya), führt von der Statue des Saladin direkt zum Westeingang der Omayyaden-Moschee. Durch das Blechdach dieses Schlauches bahnen sich unzählige Sonnenstrahlen ihren Weg und nutzen sowohl Fenster als auch die kleinen Einschußlöcher eines französischen Angriffs um den Souq mit Licht zu fluten.

Entgegen des Aleppiner Souqs, kommt der Damaszener Basar unsortierter daher. So passiert es schon mal, dass neben Brautkleidern und den heißesten Damenhöschen die Dämpfe eines Shawarma-Standes aufsteigen oder leckeres, mit Pistazien garniertes Vanilleeis verkauft wird. Unmittelbar vor der Eisdiele “Bakdash” steht der Teemann, welcher aus seinem großen samowar-artigen Tornister frischen Schwarztee mit Minzblättchen anbietet. In den Seitenstraßen sitzen Männer und demonstrieren die Kunstfertigkeit ihrer Gemüsemesser, während ein paar Meter weiter Spielzeug verkauft wird. Leider auch viel Kriegsspielzeug, so zum Beispiel ein robbender Soldat, der alle 20-30cm “Schüsse” aus seiner Waffe abgibt.
Den dichten Damaszener Verkehr zu übersehen ist unmöglich. Für 25 Pfund kann man den Weg um die Altstadt abkürzen. Dummerweise führt eine dieser Abkürzungen direkt durch den Hauptteil des Gewürz-Souqs. Wohlgerüche wird man dort während der Rush Hour nicht antreffen. Auch sollte man darauf achten, dass wenn man dort kauft, nicht die oberste Schicht der Gewürze eingetütet wird ;-)

Das Ende des al-Hamidiyya ist durch die Überbleibsel und Säulen des römischen Jupiter-Tempels geprägt, welcher mit seinen Säulen und Bögen direkt an den Westeingang der Omayyaden-Moschee anbrandet. Der Platz zwischen Jupitertempel und Moschee ist das Zuhause von hunderten Tauben. Schmeißt der Fütterer auch nur ein Korn in die Luft, setzt sich eine Wolke von Vögeln in Bewegung und stürzt sich auf das Futter.

Ausländische Touristen müssen vor Betreten der Moschee ein Ticket in Höhe von 50 Pfund erwerben. Dies ersteht man im Büro, welches sich auf dem Weg vom Westeingang zum Grab des Saladin befindet. Ich musste auch erst ein wenig danach suchen… Fündig wird man, wenn man den Schildern zum Umkleideraum folgt ;-) Umkleideraum? Ja… Ausländische Frauen müssen eine Kutte mit Kapuze anlegen. Die Herren der Schöpfung müssen vor dem Überschreiten der Eingangsschwelle lediglich die Schuhe ausziehen. Die Moschee wurde im Jahre 705 an der Stelle erbaut wurde, wo einst die Kirche von Johannes dem Täufer stand. Das Gebäude wurde auf den Grundmauern dieses Heiligtums errichtet und beherbergt einen Schrein, in dem der Sage nach sogar das Haupt Johannes des Täufers aufgebart ist.

Der Innenhof der großen in 2001 restaurierten Omayyaden-Moschee ist gewaltig und beeindruckt vor allem durch den polierten Marmorboden. Im hinteren Teil des Kolonnadenganges ist der Boden zusätzlich mit farblichen Marmorapplikationen gefliest. Vom Westeingang her blickt man auf das fachwerkartige Uhrenhaus, zur Linken dem runden Schatzhaus und weiter hinten dem pavillonartigen Brunnenhaus. Das Innere der Moschee ist bis in die kleinste Ritze mit orientalischen Teppichen ausgelegt. Das Ausziehen der Schuhe führt zu einem “amüsanten” Nebeneffekt, riecht es doch im Inneren bei warmen Temperaturen wie nach der Sportstunde der 10. Klasse eines Männergymnasiums. Empfindliche Nasen seien also gewarnt ;-)
Die südliche Mauer der Moschee nimmt auch das Mihrab und Minbar auf. Die Gläubigen beten in dieser Richtung, da in dieser Linie Mekka liegt. Darauf wird man spätestens aufmerksam, wenn man mit Stativ und Kamera Fotos schießend zwischen Gebetswilligen und Wand steht ;-) Aber auch bei einem solchen Faux Pas wird dem Unwissenden nicht mit Unverständnis begegnet. Im Gegenteil, man erklärte mir freundlich und kurz warum man auf mich wartet und kam so miteinander ins Gespräch.

Kleiner Tipp: Schuhe NIE auf dem Teppichboden ablegen! Es empfiehlt sich (eventuell sogar in einer Tüte) die Schuhe immer mitzunehmen, da diese draußen abgestellt in der Flut von Tretern durchaus untergehen können. Außer man mag den gewissen abenteuerlichen Reiz auf Socken durch Damaskus zum Hotel zu laufen.

Saladin ist omnipräsent, nicht nur als überlebensgroße Statue am Eingang des Souq al-Hamadiyyeh. Nördlich, direkt neben der Omayyaden-Moschee findet man das größere Kulturgut, Saladins Schrein. Der große Feldherr liegt in dem hölzernen Sarkophag, während der marmorne leere Sarg ein Geschenk des deutschen Kaisers Wilhelm II. ist. Die gemeinsame Geschichte der Deutschen und Syrer ist nicht vergessen. Überall trifft man auf erfreute Gesichter, wenn man erwähnt, dass man aus “Almanya”, aus Deutschland kommt. Und so erzählte mir z.B. Afik, ein Syrer den ich auf dem Weg nach Aleppo traf, ein wenig mehr über die Wurzeln dieser Sympathie. Der Plan der Deutschen eine Eisenbahnstrecke von Istanbul nach Bagdad und Mekka/Medina zu bauen und das damit verbundene, auch politische Engagement, wird heute noch sehr geschätzt: “Sowohl Franzosen als auch Briten traten Saladins Holzschrein mit Füßen, während Ihr Deutschen ihm ein neues Zuhause geschenkt habt.” Generell ist Saladin in der Erinnerung und den Herzen der Menschen allgegenwärtig. Sie sind sichtlich stolz wenn sie von Salah ad-Din Yusuf bin Ayyub sprechen.

Wie unschwer zu erkennen ist, ist der Souq das Herz der Damaszener Altstadt. Von ihm abzweigend verbergen sich die kleinen Perlen der Jahrhunderte währenden Geschichte. Das für mich größte Highlight ist das Khan Assad Basha (auch Khan Assad Pacha oder Pasha), welcher ein “Nebenraum” des Gewürz-Souqs, unweit des Azem Palastes, ist. Just zur nachmittäglichen Sonne bietet die Illuminierung des Khans eine herrlich kontrastreiche Kulisse die für Märchen aus tausend und einer Nacht nicht hätte typischer sein können.
Der Stil der wechselnden Linien und Farben setzt sich im Azem Palast fort. Dort kann man in einem Museum orientalisch-herrschaftliches Leben anschauen, von Madrassa, der Schule, bis hin zum Hamam, dem arabischen Bad.

Das Khan Assad Basha lässt einen mit offenem Munde staunen…

Quält einen der Hunger, so kann man nördlich vom Souq al-Hamadiyyeh abzweigend an einen der Shawarma-Stände gehen und sich mit gegrilltem Geflügel verwöhnen lassen. Das Damaszener Shawarma war das beste, dass ich auf der gesamten Reise gegessen habe. Zutaten: gegrilltes Hähnchenfleisch, ein wenig Tomate, Streifen von saurer Gurke, Gewürz und ganz wichtig: ein wenig Schmalz. Das alles wird in arabisches Fladenbrot gewickelt und in Olivenöl kurz anfrittiert. Sicherlich ist Shawarma eine kleine Kalorienbombe, aber sehr sehr lecker und ein Muss in Sachen Kosten.
Eine andere, ähnliche Leckerei ist Shish Tawook, welches ebenfalls aus Hähnchenfleisch gemacht wird. Als Gewürz kommt eine Mischung aus Kardamom, Zimt, Gelbwurz, Kreuzkümmel, schwarzem Pfeffer und Macis zum Einsatz. Serviert wird das ganze mit Salatgemüse nach Wahl, umwickelt von arabischem Fladenbrot.

Am Freitag geht nichts in der Stadt. Die sonst mit Menschen gefüllten Gassen der Altstadt sind leer und werden nur von Tauben bevölkert. Auf meinem Spaziergang von der Sayyida Roqqaya Moschee in den Süden, läuft mir ein älterer Weg über den Weg, schaut mich an und signalisiert mir ihm zu folgen. Er zückt den Schlüssel und plötzlich stehen wir in einem herrlich angelegten Innenhof, in dessen Zentrum einer kleiner Springbrunnen plätschert und den daneben stehenden Orangenbaum mit glitzerndem Wassernebel benetzt. Mein Blick in den Himmel wird durch ein Glas Tee zurück auf die Erde geholt. Hmmm… Schwarzer Tee mit 2-3 frischen Minzeblättchen. Köstlich!

Der Alte winkt abermals, ruft mich heran, zückt den Schlüssel und wir stehen inmitten einer Flut von alten Büchern, der Al Dhaheriyah Bibliothek. Genau gegenüber, auf der anderen Straßenseite wird abermals der Schlüssel gezückt und hinter einer schweren Tür eröffnet sich die mit diversen Marmorapplikationen ausgestaltete Ruhestätte von Sultan Baibars, der einst die Kreuzfahrer aus dem Heiligen Land jagte.

In einer auf die Straight Street einmündenden Gasse stehen die Tore sperrangelweit offen und geben ein anderes Damaszener “Geheimnis” preis: die Minifahrzeuge der Altstadt-Feuerwehr. Just schmal genug, um im Ernstfall auch in den schmalen Wegen der Altstadt voran zu kommen. Tags zuvor verließen unweit der Feuerwehr etliche buntbemalte und mit glitzernden Metallstreifen geschmückte Busse die Straight Street Richtung Bab Sharqi, dem östlichen Tor der Altstadt. Das Donnern der Dieselmotoren reißt die kleinen, eng aneinander gebauten Häuser des christlichen Viertels aus ihrem Dornröschenschlaf. Was zunächst wie ein Militärtransport klingt, ist allerdings etwas viel harmloseres. Schulbusse bringen dutzende Kinder von den (Koran-)schulen nach Hause in die umliegenden Gebiete. Mit neugierigen Blicken und an der Scheibe platt gedrückten Nasen fahren die bunten Riesen an mir vorbei.

Nicht weit davon entfernt ist der Markt, auf dem es herrlich frische Sachen zu kaufen gibt. Das Kilo Möhren für 10 Pfund? “Kein Problem”, signalisiert der Händler mit erhobenen Händen. Frische aromatische Bio-Zitronen und Frühlingszwiebeln gibt es gleich neben an. Doch auch Skurriles ist zu sehen… Wann sieht man schon mal eine Fleischerei, die soeben geschlachtetes Kamel anbietet? Auf Wunsch mit viel Petersilie ;-) Plötzlich mischt sich ein Schwall frisch gebackenen Brotes unter die Marktluft. Man steht nicht lang vor der Backstube, da bittet der Bäcker einen auch schon hinein. Schwups hat mein ein warmes Fladenbrot in der Hand und ist im Gespräch. Dazu ein Klecks Dattelhonig und der Orient hat einen vollends erobert :-)

Viele Menschen zelebrieren geradezu ihre Mittagspause und gucken interessiert zu, wie ich durch die Gassen schlendere. Nicht wenige von ihnen rufen mich heran, bieten mir etwas zu essen an und fragen, ob ich ein Foto von ihnen machen könnte. Zu schade, dass mein Arabisch nicht ausreichte ihnen Digitaltechnik verständlich zu machen. Denn insgeheim hofften sie, dass ich ihnen das Foto in den nächsten 1-2 Tagen zustecken könnte – 4-5 Leuten konnte ich klarmachen, dass ich nicht aus Damas komme, dass ich ihnen ihr Foto aber postalisch zuschicken kann.

Verwendete Fototechnik: Canon EOS 20D, Canon EF-S 10-22, Tamron 17-50 f2.8, Tamron 28-75 f2.8