Lautes und chaotisches Aleppo

Von Hama aus ist es nur noch ein Katzensprung nach Aleppo, dem nördlichen Zentrum Syriens. Von je her war Aleppo (حلب) ein Ort des Handels. Viele Deutsche werden die Stadt durch das Engagement der GTZ beim Wiederaufbau der Aleppiner Altstadt her kennen. Auf der Fahrt nach Aleppo traf ich im Bus auf Afik, der ebenfalls sehr sehr gute Geschichtskenntnisse hat. Wir sprachen über Gott und die Welt, über das Reich der Omayyaden, über Pistazienbäume die im Winter wie abgestorben aussehen und natürlich auch über den Gegenwart und die US-amerikanische Aggression im Irak.

Jeder der Aleppo besucht, wird sich an das Gewusel von Autos erinnern, denn irgendwie ist der Verkehr dort anders, hektischer und schneller. In der Tat ist das Überqueren der Aleppiner Straßen ein Abenteuer für sich. So und nicht anders muss sich manches Reh oder Wildschwein beim passieren Deutscher Landstraßen fühlen. Auch in Aleppo orientiert man sich am besten am Clock Tower, welcher zwischen der Altstadt und den meisten Hotels liegt. Von dort ist es nur noch einen Katzensprung zum berühmten Aleppiner Souq, zur Zitadelle und zur hiesigen jedoch kleineren Omayyaden-Moschee.

Auf dem Weg zur Zitadelle traf ich Sebastian, welcher einen gleichnamigen Laden mit diversen handwerklichen Gütern betreibt. Er lässt mit sich handeln, ist sicherlich ein wenig teurer als die Waren im Souq, bietet dafür allerdings sehr gute Qualität. Die Mentalität der Aleppiner geht ein wenig mehr in Richtung Handeln und Geld machen. Hatte ich doch in Aleppo den ersten Kontakt mit einem kleinen Gauner, der mir seine “selbst geschmiedeten” Silberketten zum Verkauf anbot. Als er mir ein Modell mit Ebenholz Applikationen anbot, wies ich ihn darauf hin, dass ich dieses gar nicht nach Europa mitbringen dürfe, da dieses unter das Artenschutzabkommen fällt und ich somit von Zoll und Polizei angeschwärzt werden könnte. In einem Land, das Ex-Generäle als Innenminister einstellt und heimlich online Computer durchsucht, ist dieser Gedanke des Anschwärzens nicht von der Hand zu weisen. Auf das Ebenholz und die Gefahr “erwischt” zu werden entgegnete er (ich übersetze): “Ach… Alles kein Problem. Die werden sehen, dass es ein Plagiat ist!” Kaum kam es ihm über die Lippen, war der Denkprozess und das anschließende innerliche Fluchen über das Gesagte herrlich in seinem Gesicht ablesbar. Also Aleppo-Reisende, ruhig die Angebote hinterfragen und nicht gleich zuschlagen.

Doch zurück zum Souq, welcher die Hauptattraktion Aleppos ist. Den Gerüchen der Gewürze zu entkommen ist unmöglich. Auch gibt es hier sehr guten Kaffee, habe ich doch einen Espresso getrunken, der nicht wenige Italiener in den Schatten gestellt hat. Innerhalb des Gewürz-Souqs gibt es den kleinen Krämerladen von Aladin, der zuhauf original Aleppiner Seife aus eigener Produktion verkauft. Es war ein Vergnügen mit dem Kerl über die Herstellung zu diskutieren, bin ich doch in Chemie nicht ganz unbewandert. Und so erklärte er mir die kleinen feinen Unterschiede in Sachen Lagerung und zusätzlichen Ölen. Fakt ist, Seife aus Naturölen wie Olive, Lorbeer, Cumin oder mit Zusatz von Minze, Pinie oder Rosenöl ist etwas 100%ig natürliches, etwas das die Haut aufblühen lässt. Viele werden den Film “Fight Club” kennen und werden sich auch an die widerliche aber ökonomisch geniale Idee der Gewinnung von Seife aus dem abgesaugten Fett alter Frauen erinnern. Tja, aus welcher Ecke sonst könnten Produkte wie Axe, 8×4 oder Fa kommen? Ok, humanoides Fett wird sicherlich nicht mit einer Lauge vermengt, wohl aber fettreiche Schlachtabfälle, die wir uns dann laut Meinung der Industrie später zur “Reinigung” auf die Haut schmieren sollten… Mir war Aleppiner und auch Marseiller Seife schon ein wenig länger bekannt. Ich will sie nicht mehr missen, hinterlässt doch der feine samtene Schaum eine Haut wie aus Seide.

Obacht: mit Seife jünger 2-3 Jahre sollte nicht in Hautkontakt kommen. Diese hat zu viele Reizstoffe und ist eher als Reinigungsmittel für Böden etc gedacht. Man erkennt das Alter von Seife an ihrer Härte. Je älter, je härter und schrumpeliger ist sie. Feinseifen können durchaus jünger sein, diese haben dann aber auch eine andere, ölseitig feinere Zusammensetzung als die großen Stücke Olivenseife. Aber trifft man auf Kerle wie Aladin, dann wird auch einem Seifeunkundigem alles erklärt, man kann also nur dabei lernen. So oder so nahm ich gut 3 Kilo verschiedene Seifen mit auf den Weg nach Deutschland. 1000 Pfund (ca. 15 Euro) ist für 3 Kilo von fast ausschließlich Feinseife ein sehr fairer Preis, wird diese doch hier in Europa zu 3-4 Euro je Stück verkauft.
Auch Gewürze kann man hier günstig erstehen. Während Safran bei uns in der 1 Gramm Phiole für ca. 8-10 Euro verkauft wird, kann man in Syrien sehr guten iranischen Safran für 75-100 Pfund (1-2 Euro) erstehen, wohlgemerkt 100 und nicht 1 Gramm. Achtung: Safran getrennt von allen anderen Gewürzen transportieren!

Aleppo machte seinem Ruf als hektische Stadt auch in der Nacht alle Ehre, fing doch pünktlich um 23:00 Uhr ein Abrisskommando an zu arbeiten, um genau um 7:00 Uhr Feierabend zu machen… Da der Großteil aller preiswerten Hotels im Einzugsgebiet dieser erdbebenartigen Lärmquelle lag, verließ ich die Stadt bereits am Folgetag wieder. Die Zitadelle jedoch wollte ich noch mitnehmen, da am zweiten Tag das Aleppiner Wetter wesentlich fotofreundlicher daher kam.
Die wehrhafte Bastion am Fuße der Zitadelle ist auch gleich der Eingang selbiger. Die wuchtigen mit Eisenbeschlägen verzierten Türen vermitteln eindrucksvoll welche Kraft damals zum Brechen dieses Tores hätte nötig sein müssen.
Oben angekommen trifft man auf ein Sammelsurium von Steinen, verteilt über ein Labyrinth von Gängen. Kurz: die Restauratoren werden dort noch alle Hände voll zu tun haben die Spuren des Erdbebens von 1822 zu beseitigen. Das große Ravensburger in 10000 Teilen steht diesem Puzzle als Unterforderung gegenüber.
Läuft man die Eingangsbrücke hoch, so findet man auf der von dort aus gesehen linken Seite der Festung einen bereits restaurierten Saal mit diversen Holz- und Marmorapplikationen.

Aleppo ist ein wenig touristischer als z.B. Damaskus oder aber das Krak des Chevaliers. Sicherlich trifft man hier und dort mal ein weißes Gesicht, dennoch wurde ich bis dato von Touri-Bussen und planlos umher irrenden Rentnern verschont. Jene älteren Semester sind (unfreiwillig?) die Nahrung für die zahlreicheren Aleppiner Nepper, die in allen nur erdenklichen Sprachen auf genau ihren Geschäftsabschluss drücken.

Verwendete Fototechnik: Canon EOS 20D, Canon EF-S 10-22, Tamron 17-50 f2.8, Tamron 28-75 f2.8, Sigma 80-400 OS f4.5-5.6