Jacob Todds Passage
Ein Debüt ist etwas wichtiges, schon gar in der Musikwelt. Viel interessanter wird es, wenn es sich beim Erstlingswerk um ein Album dreht und dieses dem Musikempfinden eines der neuen Talente des Progressive entspringt. “Passage”, so lautet das Debütalbum von des Amerikaners Jacob Todd, der bereits mit zahlreichen, sehr guten Produktionen auf wichtigen Compilations vertreten ist.
Jake, wie ihn seine Freunde nennen, kam erstmals im zarten Alter von 13 mit selbst gemachter Musik in Kontakt, als er Bassgitarre in einer Hardcore Punk Band spielte. Des Colleges wegen zog es ihn nach Boulder im Bundesstaat Colorado, wo er 1999 graduierte. Dort in Boulder kam er durch die Besuche des Soma Clubs das erste Mal mit progressivem Trance und House in Berührung.
Seine erste Single Nothing Is Real wurde 2004 durch niemand geringeren als Jonathan Lisles und auf dessen M-Theory Label veröffentlicht. Meat Katie lobte ihn wegen seiner “soliden Rhythmen, ausgeklügelten Soundstrukturen und rockenden Beats” als “dubbiger Photek der progressiven Breaks”. Ferner wurde Nothing Is Real in Anthony Pappas Balance aufgenommen und von John Digweed in dessen Radioshow auf Kiss 100FM angepriesen. Obendrein kann Jacob auf eine beachtliche Arbeit als Remixer zurückblicken da er Hand an Projekte wie Relisys, Andrew K und Simuck, sowie Brahma, Native oder Jase From Outta Space legte.
FW: Jake, wenn man Dich fragen würde wie Deine momentane Position im Musikgeschäft aussähe, wie würdest Du antworten, also Dich selbst sehen?
Eine schwere Frage… Mich selbst sehe ich in erster Linie als Produzent. Neue Musik zum Leben zu erwecken verschafft mir den Einblick in die DJ-Arbeit (wobei ich selbst nur noch selten auflege) und es erweitert meinen Horizont als A&R. Je besser man in der einen Sache wird, desto mehr profitieren die anderen Dinge davon. Kreativ zu sein bedeutet perspektivisches Denken, genau wie Inspiration und Handarbeit. Das Auflegen und die A&R-Arbeit sind sehr gute Arten eine Sichtweise bezüglich des produzieren zu erlangen. Das gilt natürlich auch für den umgekehrten Fall. Ich konzentriere mich auf progressives House, jedoch versuche ich dabei Progressive nicht nur als ein Genre zu betrachten. Für mich ist die Seele des Progressive mehr eine Art Songschreiben als es in anderen Gebieten der elektronischen Musik der Fall ist. Außerdem nimmt Progressive oft die Elemente anderer Musikstile auf und sticht aus dem Heer der Underground-Musik hervor.
FW: Auflegen ist eine der wichtigsten Darbietungsformen der elektronischen Musik. Gibt es einen Grund, warum Du nur noch selten hinter dem Mischpult stehst?
Das ist lediglich eine Sache von Prioritäten. Ich mag es aufzulegen, ich habe jedoch nur ein klein wenig Freizeit, welches ich lieber damit verbringe neue Klänge zu produzieren. Eigentlich nahm die ganze DJ-Geschichte bei mir eher einen Platz auf den hinteren Reihen ein als ich an Passage arbeitete. Im Moment finde in Sachen auflegen ich dorthin wieder zurück.

FW: Momentan geht der Trend in der elektronischen Musik weg von progressivem House und Trance, hin zur Europäischen Auffassung von Techno. Wie denkst Du über diese Entwicklung und seine Auswirkungen? Wo siehst Du Dich selbst in diesem Bild? Wird diese Entwicklung komplett neue Gebiete erschließen, sich selbst in eine völlig andere Richtung bewegen oder aber zu den Ursprüngen zurückkehren?
Eine der für mich großartigsten Dinge in der elektronischen Musik sind die schnellen Wandel. Auch meiner Meinung nach wird im Moment dem Techno sehr viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht. Viele der Künstler in dieser Richtung waren vor Jahren aber auch nicht so dick im Geschäft wie heute. Das sind Menschen die auf einer gewissen Musik hängen geblieben sind und dadurch mehr oder weniger zufällig die Früchte eines Trends ernten können.
Genau darin steckt die eigentliche Bedeutung: komponiere die Musik die du fühlst und es wird sich eines Tages auszahlen. Das bedeutet auch, sich den im weiteren Sinne gemeinten musikalischen Trends auch von der eigenen Vision her ein wenig anzupassen. Etwas, dass ich an der Dominanz von Techno so sehr mag, ist sein oftmals sehr dunkler Charakter. Ein paar Jahre zuvor war dunkles, tribales Progressive House der Protagonist, jetzt ist es Techno. Jedes Mal wenn Leute eher düstere Musik konsumieren gibt es mir diesem Trend gegenüber eine Art Rückversicherung. Ich mochte schon immer Technoelemente. Sicherlich werde ich Techno gegenüber keine musikalische Priorität einräumen, dennoch bin ich froh, durch ihn eine gewisse Inspiration zu erlangen und dadurch meine eigene Interpretation anbieten zu können.
Jedes Mal aufs Neue dominiert ein gewisses Genre der elektronischen Musik die globale Szene und hinterlässt seinen Fußabdruck. Die kurze Popularität von Progressive Breaks zum Beispiel führte zu einer Auflockerung der Beatstrukturen und resultierte in Musik, die irgendwo zwischen Breaks und geradem 4/4-Takt rangiert.
Die größere Popularität von Progressive House in Südamerika und Osteuropa ist eine ganz klare Reflektion dessen, was die Menschen dort hören wollen. Die Grenze zwischen Hörer und Produzent sind dort sehr fließend. Ich lebe in den USA, ich lebe allerdings auch in meiner eigenen kleinen Welt. Daher ist es schwierig mich selbst mit einer territorial gesehenen Musik (-trend) zu identifizieren. Ich bin der Meinung, dass viele amerikanische Produzenten Ähnliches äußern würden, da wir relativ weit verteilt sind und elektronische Musik hier noch sehr undergroundig ist. Es wäre großartig hier in meiner Gegend einen Produzenten zu haben, mit dem ich Ideen diskutieren und Arbeit teilen könnte. Das jedoch ist nicht der Fall. Ich tendiere dazu ich viele Bereiche hinein zu schnuppern um dort (notgedrungener Maßen) Inspiration zu finden.
FW: Kristian Beyer, die eine Hälfte des deutschen Âme Duos, sagte kürzlich, dass die USA eigentlich keine florierende Clubszene besitzen. Stimmst Du diesem Gedanken zu oder würdest Du das eher differenziert betrachten?
Nun ja, ich bin kein Experte und gehe auch nur noch selten aus. Dennoch würde ich seinen Ausführungen zustimmen. Jede Verallgemeinerung hat seine Ausnahmen, ganz klar. Es gibt definitiv gut laufende lokale Szenen in den USA. Alles in allem jedoch ist elektronische Musik hier noch nicht so präsent wie in Europa.
FW: Welcher ist Dein Lieblingsclub?
Denver ist per Auto nur eine halbe Stunde von Boulder (wo ich wohne) entfernt. Dort gibt es einen Club der sich Vinyl nennt und den find ich ziemlich gut. In Boulder selbst gab es einmal das Soma, in welchem ich das erste Mal in Kontakt mit elektronischer Musik kam. Es wurde aber schon vor einiger Zeit geschlossen. Das Soma war ein kleiner Club in einem schäbigen Keller, der eine Menge recht bekannter internationaler Talente, sowie eine äußerst berauschte und begeisterungsfähige Menge Fans anzog - es war eine großartige Zeit. Es war genau die Art Clubs von der wir in den USA mehr bräuchten.

FW: Gibt es einen absoluten Gott der elektronischen Musik für Dich? Und wer aus Deiner Sicht wäre der beste Newcomer?
Ich würde sagen John Digweed. Er hat ein unglaubliches Musikempfinden und ist ein sehr talentierter DJ und Produzent. Überdies hat er sich sehr erfolgreich etabliert. Er veröffentlicht Mix-CDs mit Tracks seines Plattenlabels, von denen er manche obendrein selbst geschrieben oder geremixt hat. Dann vermarktet er das ganze Paket durch Clubnächte und eine Radioshow, meistens unter seinem Bedrock Pseudonym. Niemand anderes im Musikgeschäft kommt in Sachen elektronischer Musik an dieses Level von strukturiertem Vorgehen und Einflussnahme heran.
In Sachen Newcomer gibt es eine Menge Leute die mir einfallen. Da ist zunächst Patrik Bjorkman, dessen großartiger Sound dunkel, dreckig und funky daher kommt. Ich würde es progressiven Elektro-Techno nennen, insofern das Sinn machen würde. Zwei andere sind Daniel Lineberg (Dumb Dan) und Rikard Fredriksson (Probspot / Zinfandel). Diese beiden sind nicht wirklich Newcomer, aber ich liebe einfach ihren Sound. Alle drei kommen aus Schweden und ich staune einfach nur, was da im Moment an guter Musik aus diesem Teil der Welt kommt.
FW: Du unterhältst Dein eigenes Recordlabel Emote Music. Heutzutage haben viele Künstler ihr eigenes Label und es gibt sogar Starthilfen wie das 3Beat Label Roster. Wie hast Du Dein Label ins Leben gerufen? Gab es eventuell Schwierigkeiten?
Ich rief Emote Music vor allem deshalb ins Leben, um über meine Musik die Kontrolle zu haben. Ziemlich schnell bemerkte ich, dass ich auch anderen Künstlern unter die Arme greifen kann ihre Musik zu veröffentlichen. Musik, von der ich denke, dass sie gehört werden muss. Zunächst war Emote Music Teil der Sentient Audio Alliance, doch diese Allianz ging auseinander und seit der zweiten Veröffentlichung mache ich alles selbst. Auch wenn es viel Arbeit bedeutet, mir ist es das wert. Ich bin jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie viele Künstler bereit sind sich in diese Arbeit einzubringen. Das reflektiert sehr gut, wie viele Menschen es lieben für die Musik die sie lieben aktiv zu sein. Dementsprechend versuche ich den Hauptteil des erwirtschafteten Geldes jenen Menschen zu geben und alle mit dem Respekt zu behandeln, den sie verdienen.
FW: Gemessen an Leuten die schon ewig dabei sind, es aber noch nicht schafften sich zu etablieren, bist Du erst seit einer relativ kurzen Zeit dabei. Trotzdem hast Du sehr schnell Wurzeln geschlagen. Was denkst Du ist Dein Erfolgsrezept?
Hmm, eigentlich sehe ich mich selbst nicht als Erfolgsstory an und ich denke, dass das genau der Grund ist, warum ich hart arbeitend das fortsetze was ich momentan tue. Die kleinen mir zugefallenen Errungenschaften sind meiner Meinung nach die Früchte harter Arbeit. Ich könnte gut acht CDs mit meiner Musik füllen während andere Leute nur von der Existenz dieser Musik gehört haben. Ich denke mit dem komponieren fortzufahren ist der Schlüssel.
Ich versuche meine Musik weiter auszufeilen und eine große Bandbreite zu erschaffen. Leute die meiner Musik lauschen, verstehen, dass ich versuche etwas Größeres zu erreichen als nur Clubmusik zu schreiben. Ich denke, dass meine Musik ein größeres Ziel hat, als nur tanzbar zu sein. So oder so sollte Musik für sich selbst sprechen können. Sicherlich ist der Art der Veröffentlichung meiner Musik wichtig, sprich Compilations und Labels, dennoch kommt es am Ende darauf an, wie der Einzelne meine Musik und das was ich tue auffasst. Das geht einher mit dem Thema Underground Musik. Diese Gedankengänge sind die Motivation die hinter meinem Album Passage stecken. Schon immer hatte ich das Gefühl, dass es besser ist meinen Sound durch eine länger und fortschrittlicher angelegte musikalische Präsentationsform vertreten zu sehen denn Singles wie am Fließband zu produzieren. Es ist weitaus einfacher am laufenden Band Singles heraus zu schleudern.

FW: Viele aufstrebende Künstler monieren die antiquierten Strukturen des Musikgeschäftes und sehen dies als Grund der eigenen stagnierenden Karriere an. Kannst Du das bestätigen?
Das hängt für meine Begriffe eindeutig vom Engagement des Einzelnen ab, dass eine Karriere so verläuft wie man es gern hätte. Klar gibt es Situationen, die sich nicht so entwickeln wie man es gern hätte. Auch ich steckte da schon drin. Das Wichtige jedoch ist weiter zu machen und aus solchen Situationen zu lernen. Je mehr man in die Entwicklung einer Karriere investiert, desto mehr wird man davon profitieren denke ich.
FW: Da stimme ich Dir in gewisser Weise zu. Jedoch gibt es genug externe Einflüsse, die nicht so ohne weiteres durch einen selbst kontrollierbar sind. Ein schlecht gesonnener Labelchef, Neider, Booker die nur in ihre eigene Tasche wirtschaften wollen und so weiter… Gibt es Deiner Meinung nach einen derart harten Wettbewerb in der elektronischen Musik?
Es gibt immer Sachen über die man keine Kontrolle hat. Das kann sich als gut oder schlecht heraus stellen. Wenn man allerdings die Ohren steif hält und sowohl Komponieren fortsetzt, als auch sich selbst anzutreiben, dann wird das schon in Erfolgen resultieren. Es gibt ganz klar einen Wettbewerb in der elektronischen Musik. Ich schließe mich mit Menschen zusammen, die aus Spaß an der Musik teilhaben. Von daher habe ich bis jetzt noch nicht viel Konkurrenzverhalten am eigenen Leibe erfahren. Wenn, dann konkurriere ich mit mir selbst, um bessere Musik zu schreiben. Ich vergleiche mich mit anderen um mir ein Bild zu machen wo ich stehe.
FW: Du hast bereits Dein Album Passage erwähnt. Warum hast Du es auf CP Recordings veröffentlicht und nicht auf Deinem eigenen Plattelabel? Warum hast Du Dich für ein Album entschieden, dessen Stücke ineinander fließen? Wird es Dein Album gegebenenfalls in einer DJ-freundlichen, also mit separaten Tracks versehenen Version geben?
Das Album war schon vor Emote Music in Arbeit und es war David Oldfields Idee es auf CPR rauszubringen. So oder so war Passage als eine gemeinschaftliche Veröffentlichung zwischen CPR und Emote angedacht. Das ursprüngliche Konzept sah von Anfang an vor eine Art DJ-Mix zu schreiben, der alle Songs ineinander fließen lässt. So konnte ich sicherstellen, dass musikalisch alles so (ineinander) läuft wie ich mir das vorstelle. Die Gesamtheit aus der Taufe zu heben war wesentlich schwieriger als Song für Song einzeln zu schreiben. Ich sprang zwischen den Anordnungen der Tracks hin und her um mein Album konsistent aber auch nicht zu konsistent und letzten Endes monoton klingen zu lassen. Der ganze Ablauf hat mich eine Menge lernen lassen und mein Sound hat sich seit der Fertigstellung des Albums auch ziemlich geändert. Es war eine großartige Erfahrung das alles zu tun, ich bin dennoch glücklich wieder zurück im Reich des Remixens und Song Schreibens zu sein. Alle Songs von Passage wurden als Singles mit zusätzlichen, großartigen Remixen veröffentlicht und stehen somit auch zum Auflegen zur Verfügung.
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