Der Besuch des Bijagos Archipel (auch Bissagos genannt) war mir sehr wichtig, um nicht zu sagen die wichtigste Station meiner Reise. In Bissau angekommen, erkundigte ich mich nach dem Abfahrtsort der Fähre, ähm des Schnellbotes, ähm… Es waren letzten Endes “nur” seetaugliche große Pirogen, die nach Bubaque übersetzten.
Alle anderen Transportmöglichkeiten sind mittlerweile ein Opfer der Korrosion geworden und das Warten auf das alles andere als verläßlich verkehrende Boot eines französischen Angelclubs kann man nicht wirklich als Reisefreude bezeichnen. Ohne zu wissen wann genau die Pirogen ablegen, fuhr ich gen Bissau und erreichte die Boote auf gut Glück genau 1-2 Stunden vor dem Ablegen.
Jeweils Dienstags und Samstags laufen die Pirogen Richtung Bubaque aus, wobei je nach Seegang ca. 5-6 Stunden Fahrt und 2500 CFA einzukalkulieren sind. Es empfiehlt sich Wasser und etwas gegen den Hunger mitnehmen. Auch ist eine Kopfbedeckung von Vorteil, sitzt man doch meist eher auf der sonnenbeschienenen Bordwand als unter dem Dach. Die Fahrt geht an diversen Schiffswracks vorbei. Trawler, deren kapitalistische Dreckschweine nichts Besseres zu tun hatten, als die international vereinbarten Fangquoten zu verletzen während die vor Afrika und in EU Gewässern wilderten. Nun wartet zumindest auf das Mittel zum Zweck, die Schiffe, der Rosttod.

Erstaunlich ist es mit anzusehen, wie der Kapitän es ohne Kompass, nur durch Orientierung am Sonnenstand das Boot direkt, wie auf einer Straße, von A nach B zu lenken vermag. Dafür muß man wiederum ein mögliches Beladungsproblem in Kauf nehmen, findet doch speziell auf der zuletzt auslaufenden Piroge alles Platz, was nicht auf den ersten Booten hatte untergebracht werden können. Und so tuckelt man auf Kisten jeglicher Art sitzend nebst Schweinen, Kühen, Ziegen, Geflügel und natürlich Menschen über den atlantischen Küstenstreifen.
Auf Hälfte der Strecke trifft man auf eine Linie im Meer. Dort prallt das türkise ozeanische Wasser in einer wie mit dem Rasiermesser gezogenen Linie auf die trüben sedimentreichen Fluten des Rio Geba. Hat man diese natürliche Grenze passiert, tauschen schon bald die ersten palmenbewachsenen Inselchen am Horizont auf. Bubaque ist dann nicht mehr weit.

Die Suche nach einer Unterkunft führte schnell zu Lorent, einem Franzosen um die 50, der sich auf Bubaque eine kleine Strohbungalow-Siedlung aufbaute: das Cadjoco. Der gute Lorent rechnete überhaupt nicht mit Gästen… Und auch wenn sein Cadjoco vier Bungalows umfasste, so verirren sich Touristen im weiteren Sinne nicht allzu häufig auf das Archipel. Die Betten jedoch waren die Hölle. Die Matratze schien wohl mit Schottersteinen gefüllt
Sein uralter Land Rover war, abgesehen von Wracks, das einzige Auto auf der Insel. Ein ratternder Diesel Land Rover mit einem Franzosen-Zausel hinterm Lenkrad, das war Lorents “Beitrag für die Französisch-Englische Freundschaft” ;-) Und genau wie der Rover brauchte Lorent Sprit. Genauer gesagt Pastis, welcher in Form von 1-2 Gläsern die Lebensgeister herbei rief.

Gourmets werden sich auf dem Bijagos-Archipel pudel-, wenn nicht sogar sauwohl fühlen, kann man doch vor Ort frischesten Fisch und Meeresgetier geniessen. Ich persönlich empfehle gegrillten Drepan an Maniok und Chilli-Zwiebeln, als auch Fischcarpaccio zu kosten. Auch das Stiefeln durch die von den Gezeiten frei gelegten Felsen ist kulinarisch sehr interessant, denn hier wartet die Chance leckere kleine Wildaustern zu probieren. Eine ganz andere Liga als das grüne Geblubber das teilweise hier in Mitteleuropa serviert wird. Bei den Chillis sei Obacht geboten. Es gehört definitiv zu den schärsten Sachen die mir je untergekommen sind. Diese kleinen Biester haben Tränengarantie und ein Nachspiel :-) Dazu gab es das einzige Bier Guinea-Bissaus und ein hochprozentiges dazu: Super Bock, Lorent’sch ausgesprochen “Süüpär Bööck”.

Die Hauptinsel Bubaque kann die einzige befestigte Straße des Archipels vorweisen. Befestigt im afrikanischen Sinne. Auch findet man im gleichnamigen Hauptort touristische Überbleibsel wie z.B. eine lange Schotterpiste, auch “Landebahn” genannt, oder aber divere ruinöse Bunglows des einstigen Hotel Bijagos. Die Reste zeugen von einer Zeit, in der die westliche Zivilisation die Inseln beherrschte. Auch gehören die allgegenwärtigen, jedoch nicht gespeisten Stromleitungen dazu. Das Leben rund um den Hauptort Bubaque findet in einer architektonische Fusion statt, bei der die verbliebenen Kolonialbauten in die Hütten- und Dorfkultur integriert wurden. Wie überall in Afrika sind Neubauten allerdings aus allerfeinstem Sichtbeton ;-) Darunter auch der kleine Tante-Emma-Laden, der die wohl weltweit einzigartige, allerdings auch groteske Kombination von “alles” anbietet: Nutella & Zement, Reis & Shampoo, Kekse & Nagellack.

Folgt man dem Lauf der einzigen Straße, passiert man auf halbem Weg zwischen Nord- und Südende die Siedlung des Bijagos Stammes. Diese Eingeborenen sehen nur sehr selten weisse Menschen. Ist man dann noch blond und blauäugig, wird man von allen Seiten bestaunt. Babies sind erst recht nicht diesen Anblick gewöhnt und fangen oft an zu weinen. Trotz der immensen zivilisatorischen Unterschiede, läßt es King Rhaoul nicht nehmen Fremde persönlich zu begrüßen. Noch schnell das Bett gemacht und dann kann auch schon die typisch stocksteife Afrikaner-Fotopose eingenommen werden.
Der Animismus, der religiöse Glaube an die Natur, ist auf dem Bijagos-Archipel sehr lebendig. Mit viel Glück bekommt man Ihr Heiligtum, Ihren Gott zu sehen, welcher für Mitteleuropäer eher wie eine symmetrische Anordnung von Palmenzweigen, Tonkrügen und Grasbündeln aussieht. Da sie auch unvermittelt im Busch vorkommen, ist es schwierig solchen Heiligtümern immer mit größtem Respekt zu begegnen. Leicht überspringt die mitteleuropäische Wahrnehmung ein solches Gebilde.

Auch ist Digitalkameraequipment eine absolute Rarität. Der ohnehin vorherrschende Aberglaube, dass die Kamera die Seele raube, wird durch das Erscheinen des Bildes kurz nach dem Abdrücken nicht gerade aus der Welt geräumt. Erst nach mehrmaliger Demonstration anhand von Selbstbildnissen und viel Körpersprache kann man die Menschen von der Ungefährlichkeit überzeugen. Am ehesten gelingt dies bei den dauerneugierigen Kindern. Schnell können gut 2 Stunden ins Land gehen wenn man das “Knipsen & Zeigen”-Spiel spielt.

Am Südende der Insel erstreckt sich, was sollte es auch anderes sein, ein kilometerlanger, von Palmen gesäumter weißer Strand: der von Kühen okkupierte Plage de Bruce. Die Strände des Bijagos-Archipels bieten eine einmalige tropische Kulisse. Leider sorgt der in der Atmosphäre Westafrikas gebundene Saharastaub recht oft dafür, dass die Sonne recht unspektakulär den Staffelstab an die Nacht übergibt.

Wann auch immer man ins Wasser steigt, bitte mit den Füßen hineinschlittern und nicht wie sonst üblich auftreten! Das Märchen von den Stachelrochen ist war und allzu leicht tritt man auf ein Tier, dass sich dann ganz sicher zur Wehr setzen wird. Beim hineingleiten jedoch erzeugt man ein nicht so großes Schreckmoment, die Tiere schwimmen dann einfach fort.
Auf den südlicheren Inseln wie Orango, Orangozinho, jedoch speziell auf João Vieira gibt es noch mehr Natur hautnah zu erleben. Natürlich war der Ausflug zu den südlicheren Inseln die Gelegenheit für Angelfreund Lorent mal wieder der Leidenschaft zu fröhnen. Alle Nase lang holte man etwas aus der vor Fischen nur so strotzenden See heraus, sogar kleinere Haie gingen an den Haken. Um uns herum wimmelte es von Seevögeln, die, wenn auch nicht mit Sehne und Haken ausgestattet, aber das gleiche Ziel hatten: Futter. Die von uns ins Boot geholten Fische lockten aber auch größere Räuber an. Mir blieb der Atem stehen und die Kinnlade klappte runter, als ca. 20m vom Boot entfernt ein ca. 5m großer Tigerhai senkrecht aus dem Wasser sprang und mit etwas im Maul zurück ins Wasser glitt. Beim nächtigen am Strand wurde ich gegen 3 Uhr von der heran nahenden Flut geweckt. Der obligatorische Blick auf’s Wasser ließ mir abermals das Blut in den Adern gefrieren, vernahm ich doch eine Reflexion und etwas längliches. Da es auf dem Archipel Salzwasserkrokodile gibt, war ich in ca. 1 Sekunde von 0 auf 100 und leuchtete den Strand ab. Außer das ich ein paar Winkerkrabben aufscheuchte, war jedoch nichts weiter los, denn das vermutete Krokodil entpuppte sich (*uff*) als Baumstamm. Das Einschlafen war dafür umso malerischer, brannte doch der Himmel beim Versinken der Sonne und tauchte die tropische Kulisse in ein warm-rotes Farbenmeer, während sich im Unerholz Gekkos auf die nächtliche Jagd vorbereiteten.

An einem Sonntag ging es dann zurück nach Bissau. Da man nie so richtig genau weiss wann es denn los geht, fand ich mich früh am Hafen ein. Von ein paar Kindern begleitet löste ich mein Ticket, machte es mir auf der Hafenmauer bequem und beobachtete die Szenerie. Am beeindruckendsten war wohl das Verladen einer Kuh, die von vier Männern per Hand und Muskelkraft die gut 1.60m hohe Bordwand hochgehievt wurde. Die Piroge war wieder bis zum platzen voll mit Vieh, Mensch und Waren und fläzte sich Unterkante Bordwand in den westafrikanischen Atlantik.

Verwendete Fototechnik: Canon EOS 20D, Canon EF-S 10-22, Tamron 17-50 f2.8, Tamron 28-75 f2.8, Sigma 80-400 f4.5-5.6